Was die 4-Prozent-Regel ursprünglich besagt
Die 4-Prozent-Regel geht auf zwei Arbeiten zurück. 1994 veröffentlichte der US-Finanzberater William P. Bengen die Studie Determining Withdrawal Rates Using Historical Data, in der er erstmals durchrechnete, welche jährliche Entnahmerate ein 60/40-Aktien-Anleihen-Portfolio über jeden 30-Jahres-Zeitraum seit 1926 ohne Pleite überstanden hätte. Sein Ergebnis: 4 % des Anfangskapitals — inflationsangepasst entnommen — hielt in allen historischen Rolling-Periods durch.
Vier Jahre später bestätigten Philip Cooley, Carl Hubbard und Daniel Walz von der Texas A&M University in der sogenannten Trinity-Studie (1998) den Befund mit erweiterter Methodik. Sie untersuchten Aktien-Anleihen-Portfolios mit Aktienquoten zwischen 0 % und 100 % über Zeiträume von 15 bis 30 Jahren auf Basis der US-Marktdaten von 1926 bis 1995. Das Kernergebnis: Bei Aktienquoten von 50 bis 75 % lag die Erfolgswahrscheinlichkeit über 30 Jahre bei 4 % Entnahmerate über 95 % — also in 95 von 100 historischen Szenarien war am Ende der 30 Jahre noch Kapital übrig.
Methodisch wichtig: Es geht nicht um 4 % des jeweiligen Depotstands, sondern um 4 % des Anfangsvermögens, jährlich um die Vorjahres-Inflation erhöht. Bei 500.000 € Startkapital sind das im ersten Jahr 20.000 €, im zweiten Jahr bei 2 % Inflation 20.400 €, im dritten 20.808 € und so weiter — unabhängig davon, wie sich das Depot in der Zwischenzeit entwickelt hat.
Übertragung auf deutsche Verhältnisse
Die Trinity-Studie wird oft 1:1 auf deutsche Anleger übertragen — methodisch ist das problematisch. Drei Faktoren verschieben das Bild:
- Höhere US-Renditen im historischen Datensatz: Der US-Aktienmarkt war von 1926 bis 1995 einer der renditestärksten weltweit. Ein Effekt des Survivor-Bias: Märkte, die zwischenzeitlich kollabierten (Russland 1917, Deutschland 1948), tauchen in Long-Run-Daten nicht auf. Globale ETFs heute haben strukturell niedrigere Renditeerwartungen.
- Euro-Wechselkursrisiko: Deutsche Anleger in US-lastigen Welt-ETFs tragen ein Währungsrisiko, das in der US-Originalstudie nicht modelliert ist.
- Höhere Eurozonen-Inflation: In den Jahren 2022 und 2023 lag die HVPI-Inflation deutlich über dem langfristigen Trend. Inflationsangepasste Entnahmen wuchsen schneller als die Aktienmärkte zulegen konnten.
Konservativer ist deshalb für deutsche Anleger eine Entnahmerate von 3,0 bis 3,5 %. Internationale Robustness-Tests von Wade Pfau und anderen bestätigen, dass die "sichere" Entnahmerate in Märkten außerhalb der USA historisch eher bei 3,0 bis 3,5 % lag.
Über den Zeitraum 1975 bis 2024 erzielte der MSCI World Net Total Return Index eine durchschnittliche reale Rendite (nach Inflation) von rund 5,5 % pro Jahr. Auf dieser Basis bleibt eine 4-Prozent-Entnahme historisch tragfähig — unter der Annahme, dass kein extremer Crash unmittelbar in den ersten Entnahmejahren stattfindet (Quelle: MSCI Inc.).
Beispielrechnung 500.000 € über 30 Jahre
Die folgende Tabelle zeigt vier verschiedene Entnahmeraten bei einem Startkapital von 500.000 €, 60/40-Portfolio, inflationsangepasste Entnahme, 30 Jahre Laufzeit, auf Basis der Trinity-Methodik mit US-Daten.
| Entnahmerate | Jahr 1 Auszahlung | Inflationsanpassung | Erfolgswahrsch. (Trinity) | Restkapital Jahr 30 (Median) |
|---|---|---|---|---|
| 3,0 % | 15.000 € | jährlich VPI | ~100 % | ~900.000 € |
| 3,5 % | 17.500 € | jährlich VPI | ~98 % | ~650.000 € |
| 4,0 % | 20.000 € | jährlich VPI | ~95 % | ~400.000 € |
| 5,0 % | 25.000 € | jährlich VPI | ~70 % | ~100.000 € |
Modellrechnung. 60/40-Portfolio US-Aktien/US-Anleihen, Daten 1926–1995, 30-Jahres-Rolling-Perioden. Restkapital nach Trinity-Methodik. Werte gerundet, vor Steuern. Quelle: Cooley/Hubbard/Walz (1998).
Auffällig: Eine Reduktion von 4 % auf 3,5 % senkt die Anfangsauszahlung um nur 2.500 € pro Jahr, erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit aber spürbar und vergrößert das Median-Restkapital nach 30 Jahren um rund 250.000 €. Eine Erhöhung von 4 % auf 5 % senkt umgekehrt die Erfolgswahrscheinlichkeit dramatisch auf unter drei Viertel.
Sequence-of-Returns-Risiko erklärt
Die Durchschnittsrendite eines Portfolios sagt wenig über die tatsächliche Auszahl-Sicherheit aus. Entscheidend ist die Reihenfolge der Renditen — und kritisch sind die ersten 5 bis 10 Jahre nach Entnahmebeginn. Wer in diesen Jahren in einen Bärenmarkt gerät und gleichzeitig Anteile verkaufen muss, realisiert Verluste, die später nicht mehr aufgeholt werden können.
Ein konkretes Beispiel verdeutlicht den Effekt. Zwei Rentner starten beide mit 500.000 € und entnehmen 20.000 € jährlich. Beide erzielen über 20 Jahre dieselbe geometrische Durchschnittsrendite von rund 6 %. Der Unterschied liegt nur in der Reihenfolge.
- Rentner A — Crash zuerst: Jahr 1 bringt –20 %, Jahr 2 –10 %, danach 8 % pro Jahr. Nach 20 Jahren ist das Depot auf etwa 240.000 € geschrumpft.
- Rentner B — Crash später: Jahr 1 bis 18 bringen 8 %, dann –10 % und –20 % am Ende. Nach 20 Jahren stehen noch rund 410.000 € im Depot.
Trotz identischer Durchschnittsrendite hat Rentner B fast doppelt so viel Restkapital wie Rentner A. Der Grund: Rentner A musste in Jahr 1 und 2 Anteile zu Tiefkursen verkaufen, um die 20.000 € Entnahme zu finanzieren — diese Anteile fehlen anschließend für die Rallye.
Wer einen ETF-Entnahmeplan nur über die erwartete Durchschnittsrendite plant (etwa "6 % nach Kosten"), ignoriert das Sequence-Risiko vollständig. In Monte-Carlo-Simulationen führt das systematisch zu zu optimistischen Pleite-Wahrscheinlichkeiten. Eine ehrliche Planung arbeitet entweder mit historischen Rolling-Perioden oder mit Monte-Carlo-Pfaden — nie mit einer einzigen Durchschnittsrendite.
Schutz gegen Sequence-Risiko
Drei Strategien sind in der akademischen Literatur etabliert, um das Sequence-of-Returns-Risiko zu reduzieren.
Cash-Bucket-Strategie
Der Anleger hält 2 bis 3 Jahresausgaben separat in liquiden Anlagen — Tagesgeld, Geldmarkt-Fonds oder eine Festgeld-Leiter. In Down-Years (Aktienmarkt im Drawdown von 20 % oder mehr) wird die Entnahme aus diesem Cash-Bucket bedient, statt ETF-Anteile zu Tiefkursen zu verkaufen. In normalen Jahren wird der Bucket aus den ETF-Erträgen wieder aufgefüllt. Bei 20.000 € Jahresentnahme bedeutet das eine Liquiditätsreserve von 40.000 bis 60.000 €.
Bond-Tent
Das Konzept stammt von Michael Kitces und Wade Pfau: In den 5 bis 10 Jahren vor und nach dem Renteneintritt wird die Anleihenquote temporär erhöht — etwa von 40 % auf 60 % —, um das Portfolio gegen einen frühen Crash zu härten. Danach wird die Aktienquote schrittweise wieder hochgefahren. Studien zeigen, dass diese U-förmige Allokation das Pleite-Risiko signifikant senkt, ohne die langfristige Renditeerwartung wesentlich zu schmälern.
Dynamische Entnahme
Statt einer fixen, nur inflationsangepassten Entnahme wird die Auszahlung an den Depotstand gekoppelt. Sinkt das Vermögen um mehr als 20 % unter den Ausgangswert, wird die Entnahme um 10 % reduziert. Steigt es deutlich, kann sie um 10 % erhöht werden. Die Guyton-Klinger-Regeln (siehe unten) formalisieren diesen Ansatz.
Inflationsanpassung in der Praxis
Die Trinity-Methodik erwartet eine jährliche Erhöhung der Entnahme um die Vorjahres-Inflation. Das ist kein Komfortdetail, sondern Kern der Mechanik: Würde der Anleger nominal konstant entnehmen, wäre die Erfolgswahrscheinlichkeit deutlich höher — aber die reale Kaufkraft der Auszahlung würde über 30 Jahre dramatisch sinken.
Konkret: Bei 500.000 € Startkapital und 4 % Entnahmerate ergeben sich folgende Auszahlungen bei einer angenommenen konstanten Inflation von 2 % pro Jahr.
- Jahr 1: 20.000 €
- Jahr 2: 20.000 € × 1,02 = 20.400 €
- Jahr 3: 20.400 € × 1,02 = 20.808 €
- Jahr 10: ca. 23.900 €
- Jahr 20: ca. 29.100 €
- Jahr 30: ca. 35.500 €
In der praktischen Umsetzung wird typischerweise der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) der Eurostat oder der nationale VPI als Maßstab herangezogen — beide werden monatlich veröffentlicht und bilden den Kaufkraftverlust solide ab.
Eurostat veröffentlicht den HVPI der Eurozone monatlich. Über die letzten 25 Jahre lag der gleitende Mittelwert bei rund 2 % pro Jahr — mit einem Ausreißer 2022/23 von 8,4 % bzw. 5,4 %. Wer für die Entnahmeplanung mit 2 % Inflation rechnet, trifft den langfristigen Erwartungswert; sollte aber auch Stresstests mit 3 bis 4 % durchspielen.
Dynamische Entnahmestrategien
Die starre 4-Prozent-Regel hat einen offensichtlichen Schwachpunkt: Sie reagiert nicht auf Marktentwicklungen. Drei verbreitete Alternativen passen die Auszahlung dynamisch an.
Guyton-Klinger-Regeln
Jonathan Guyton und William Klinger veröffentlichten 2006 ein Regelwerk, das die Entnahme an Marktbedingungen koppelt: Inflationsanpassung wird ausgesetzt, wenn das Portfolio im Vorjahr negativ rentierte. Die Entnahme wird um 10 % gekürzt, wenn die laufende Entnahmequote die ursprüngliche um mehr als 20 % übersteigt. Die Methode erlaubt historisch eine Anfangsentnahme von etwa 5 bis 5,5 % bei vergleichbarer Pleite-Wahrscheinlichkeit wie die starre 4-Prozent-Regel.
Bogle-Ansatz
John C. Bogle, der Vanguard-Gründer, empfahl eine wesentlich simplere Variante: Der Anleger entnimmt jedes Jahr einen festen Prozentsatz (etwa 4 %) des aktuellen Depotstands. Das macht eine Pleite mathematisch unmöglich, die Auszahlung schwankt aber stark mit den Märkten.
Bucket-Strategien
Das Vermögen wird in drei Töpfe geteilt: kurzfristiger Bucket (2–3 Jahresausgaben Cash), mittelfristiger Bucket (3–7 Jahre, Anleihen), langfristiger Bucket (Aktien-ETF). Entnahmen kommen primär aus dem ersten Topf, der aus dem zweiten und dieser aus dem dritten regelmäßig nachgefüllt wird. Der Trade-off jeder dynamischen Strategie ist derselbe: höhere Sicherheit gegen weniger planbare Auszahlung.
Kombination mit gesetzlicher Rente und Sofortrente
Ein ETF-Entnahmeplan ist selten die alleinige Einkommensquelle in der Rente. Optimal ist ein Schichtmodell: Lebenslange Renten (gesetzliche Rente, gegebenenfalls Sofortrente) decken den Grundbedarf — Miete, Lebensmittel, Strom, Krankenversicherung. Der ETF-Entnahmeplan finanziert den flexiblen Wunsch-Konsum: Reisen, größere Anschaffungen, Geschenke an die Familie. Dieses Modell entschärft das Sequence-Risiko entscheidend, weil ein Crash nie die Existenz gefährdet.
| Modell | Sequence-Risiko | Inflationsschutz | Erbmasse | Planbarkeit Grundbedarf |
|---|---|---|---|---|
| Reiner ETF-Entnahmeplan 500.000 € | hoch | gut (Aktien) | hoch | mittel |
| Mischmodell (250.000 € Sofortrente + 250.000 € ETF) | reduziert | nur ETF-Teil | halb | hoch |
| Gesetzliche Rente + 500.000 € ETF | reduziert | gemischt | hoch | hoch (Grundrente) |
Modellrechnung. Gesetzliche Rente passt sich durch jährliche Rentenanpassung tendenziell der Lohnentwicklung an, ist also teilweise inflationsgekoppelt.
Wie groß ist Ihre Rentenlücke wirklich?
Bevor Sie eine Entnahmerate festlegen, sollten Sie wissen, welchen monatlichen Bedarf Sie tatsächlich decken müssen. Unser Rechner liefert die Zahl in 5 Minuten.
Rentenlücke berechnen →Häufige Fragen — ETF-Entnahmeplan und 4-Prozent-Regel
Mit reduziertem Erwartungsrahmen ja. In Deutschland wird konservativer 3 bis 3,5 % empfohlen — wegen niedrigerer realer Marktrendite gegenüber dem US-Datensatz und dem Sequence-of-Returns-Risiko in den ersten Entnahmejahren. Für 30 Jahre Entnahmedauer gilt 3,5 % als robuster Wert.
Es ist das Risiko, dass Crashs in den ersten Entnahmejahren das Portfolio überproportional schrumpfen lassen. Ein Anleger mit 6 % Durchschnittsrendite kann früher pleite sein als einer mit 5 % — wenn die Reihenfolge der Renditen ungünstig liegt. Die Durchschnittsrendite allein verbirgt dieses Risiko.
Faustregel sind 2 bis 3 Jahresausgaben in liquiden Anlagen — Tagesgeld, Geldmarkt-Fonds oder eine Festgeld-Leiter. In Down-Years wird aus diesem Cash-Bucket entnommen, statt Aktien-ETF-Anteile zu Tiefkursen zu verkaufen.
Die Sofortrente ist lebenslang sicher, aber in der Regel nominal kalkuliert und kaum inflationsgeschützt. Der ETF-Entnahmeplan ist flexibler, vererbbar und passt sich Inflation tendenziell an, trägt aber das Sequence-of-Returns-Risiko. Eine 50/50-Mischung ist für viele die robusteste Lösung.
Bei Teilverkauf von ETF-Anteilen greifen die Abgeltungsteuer von 25 % plus 5,5 % Solidaritätszuschlag auf realisierte Gewinne. Bei Aktien-ETFs gilt zusätzlich die Teilfreistellung von 30 % nach § 18 InvStG. Effektiv liegt die Steuerlast auf den Gewinnanteil bei rund 18,5 %.
- Cooley, P. / Hubbard, C. / Walz, D. (1998): Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable, AAII Journal — "Trinity-Studie", Texas A&M University
- Bengen, W. P. (1994): Determining Withdrawal Rates Using Historical Data, Journal of Financial Planning
- § 20 EStG — Einkünfte aus Kapitalvermögen
- § 32d EStG — gesonderter Steuertarif für Einkünfte aus Kapitalvermögen (Abgeltungsteuer)
- § 18 InvStG — Teilfreistellung für Aktien-Investmentfonds
- Deutsche Bundesbank: Renditen langfristiger Anleihen und Aktien, Zeitreihendaten
- MSCI Inc.: MSCI World Index Factsheet, monatliche Veröffentlichung
- Eurostat: Harmonisierter Verbraucherpreisindex (HVPI), monatliche Veröffentlichung